Deutsche Nachkriegswochenschau - ein Blog von Sigrun Lehnert

Forschung, Methoden, Nostalgie

Mediale Reste als Spuren einer anderen Geschichtsschreibung

Tonbänder der Filmkunde-Vorträge mit freundl. Genehmigung des Film- und Fernsehmuseums Hamburg

Wie bei einem Palimpsest, dessen getilgte Schrift unter der neuen Textschicht hindurchscheint, verschwindet auch das medial Aussortierte nie vollständig: Es hinterlässt Spuren, die sich neu lesen und deuten lassen und die dort, wo sie wiederentdeckt werden, eigene erzählerische Kraft entfalten. Mediale Reste – Sammlungsfragmente, Tonmitschnitte, private Filmaufnahmen – sind nicht bloßes Beiwerk der offiziellen Geschichtsschreibung, sondern produzieren eigenständige Aussagen, die deren Ordnung irritieren können. 

Rahmengebend ist Foucaults Konzept des historischen Apriori (1969): Das Archiv reguliert als Sagbarkeitsordnung, was zur ‚offiziellen‘ Tradition wird und was als Rest ausgeschlossen bleibt. Fallbeispiele sind:

  • die nur lückenhaft und ohne erkennbare Auswahllogik überlieferten Tonbänder filmkundlicher und fernsehkritischer Vorträge namhafter Regisseure (1950–1974), z. B. Wolfgang Staudte, Frank Wisbar oder Erwin Leiser, im Film- und Fernsehmuseum Hamburg (vgl. Abbildung), gelesen mit Droysens Unterscheidung von Überrest und Tradition (1868);
  • die museumseigene Sammlung dokumentarischer Filme zur Hamburger Stadt-, Industrie- und Gesellschaftsgeschichte, deren Reaktivierung in Dokumentationen und Matineen im Magazin-Kino in Hamburg sich mit Assmanns Modell von Speicher- und Funktionsgedächtnis (1999) fassen lässt;
  • das Projekt Living Archive des Filminstituts Arsenal Berlin (2013), das Archivbestände kuratorisch neu montiert, im Licht von Fosters Konzept des „archival impulse“ (2004);
  • sowie die Open Memory Box, die größte digitale Sammlung privater DDR-Schmalfilme, gelesen im Anschluss an Benjamins Programm, Geschichte „gegen den Strich zu bürsten“ (1940).

Der oft irreversible Verlust des ursprünglichen Kontexts ist nicht als Mangel, sondern als produktive Leerstelle zu verstehen. Reste werden vom Speicher- ins Funktionsgedächtnis überführt und ermöglichen eine Geschichtsschreibung, die nicht additiv ergänzt, sondern grundsätzlich befragt und um marginalisierte Stimmen erweitert.

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Literatur:

Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: C.H. Beck, 1999.

Benjamin, Walter: „Über den Begriff der Geschichte“ [1940]. In: ders., Gesammelte Schriften, Bd. I.2, hg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1974, S. 691–704.

Droysen, Johann Gustav: Grundriss der Historik. Leipzig: Veit, 1868.

Foster, Hal: “An Archival Impulse.” October 110 (Fall 2004), S. 3–22.

Foucault, Michel: Archäologie des Wissens [frz. 1969]. Übers. Ulrich Köppen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1981.

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