wochenschau forschung

Deutsche Nachkriegswochenschau – ein Blog von Sigrun Lehnert

Forschungsprojekt

Vermittlung des wirtschaftlichen Aufschwungs (1950-1965)
in der Kino-Wochenschau (West – Ost)

In den 1950er und 1960er Jahren bot die Wochenschau für viele Menschen, die keinen Zugang zum Fernsehen hatten, die einzigen bewegten Bilder aus aller Welt und vor allem aus dem anderen deutschen Staat. Während in der Bundesrepublik mehrere Wochenschauen existierten, wie die Neue Deutsche Wochenschau (NDW), die vom Presseamt initiiert wurde, gab es in der DDR nur eine Produktion: Der Augenzeuge, das Sprachrohr der zentralen Partei, der SED.

Neben den Informationen über politische und wirtschaftliche Fortschritte wurden in der Wochenschau unterhaltende Berichte genutzt, um Normen und Werte zu vermitteln. Die etwa zehn Berichte einer Ausgabe waren geradezu komponiert: Bilder, Kommentar und Musik ergaben durch den Schnitt und die Montage eine Story, die wiederum in ein Gesamtkonzept einer Ausgabe eingebunden war. Inhalte und Ästhetik der Wochenschau lenkten die Aufmerksamkeit der Zuschauer, ermöglichten politische Deutungen und gaben Orientierung in der Zeit des Wiederaufbaus und der Neukonstruktion der geteilten deutschen Gesellschaft. Die Kinowochenschau hat damit als historische Quelle eine besondere Bedeutung im Vergleich etwa zu schriftlichen Überlieferungen.

Basis der Untersuchung ist die Analyse der Wochenschau-Filme als Primärquelle. Sie wird um eine historische Rezeptions- und Kommunikatorforschung in Bezug auf neu recherchierte Belege zu den Produktionsvorgängen (wie damals genutztes Recherchematerial, Aufnahmeberichte der Kameraleute und redaktionelle, interne Mitteilungen), um Sitzungsprotokolle der Entscheidergremien sowie zeitgenössische Kritiken ergänzt. Somit können die verschiedenen ökonomischen, technischen, politischen und kulturellen Einflüsse auf die Entwicklung der medialen Form und die Berichterstattung berücksichtigt werden.

Ausgaben der Neuen Deutschen Wochenschau (NDW) bzw. Die Zeitlupe (Umbenennung der NDW Ende Mai 1963) aus jeweils drei Monaten der Jahre 1950 bis 1965 sowie die Wochenschau-Jahresrückblicke wurden gesichtet und hinsichtlich der Themen und Darstellungsmuster ausgewertet. In vier Kategorien ergibt sich ein aussagekräftiger erster Überblick der Vermittlung des wirtschaftlichen Aufschwungs durch: (1) Darstellung von Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung, (2) Alltagsbilder, (3) Präsentation von Unternehmen und Produkten, (4) herausragende Gestaltung der Wochenschau-Filme.

In einem weiteren Schritt wird ebenso mit der ostdeutschen Wochenschau Der Augenzeuge verfahren.  Jahresrückblicke und Ausgaben von drei Monaten der Jahre 1950 bis 1965 wurden gesichtet und die ebenfalls 200 Ausgaben wurden mit Fokus auf die Vermittlung des Aufbaus in der Planwirtschaft ausgewertet. Daraus ergaben sich hinsichtlich der oben genannten Übersicht zusätzliche Kategorien: (4) Politische Machtpräsentation, (5) Vorbild /Anregungen durch sozialistische und kommunistische Länder, (6) Präsentation von Kollektiven.

Von den etwa 4500 Beiträgen (gesamt West und Ost) zeigen etwa ein Drittel wirtschaftliche Aspekte (wurden indexiert nach: Wirtschaftszweig, Konsum/Besitz/Angebot, Freizeit, Arbeit, Bildung, Produkte/Marken, wirtschaftspol. Abkommen). Nachdem die NDW und Der Augenzeuge als Projekt „Vermittlung des wirtschaftlichen Aufschwungs (1950-1965) in der deutschen Kino-Wochenschau (West-Ost)“ (AT) in Bezug gesetzt wurden, sollen die Vermittlungsstrategien mit weiteren audiovisuellen Mediengattungen verglichen werden: Doku-Formate, Fernsehsendungen mit Aktualitätsanspruch, wie Magazine und Nachrichtenfilm (zeitgenössische und heutige), sowie Online-Präsentationen zum Thema Wirtschaftsaufschwung (West-Ost), die Wochenschau-Ausschnitte oder -Bilder verwendet haben.

Zur Erfassung der Vermittlungsstrategien soll u.a. mit Frameanalysen, angelehnt an Robert Entman (1993), gearbeitet werden, indem analysiert wird, in wie fern und welche Frame-Elemente (Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, Lösungsempfehlungen und Handlungsaufforderung sowie explizite Bewertung) auf welche Art und Weise mit filmischen Mitteln (ästhetisch) umgesetzt wurden. Zudem ist die besondere dokumentarische Form der Wochenschau elementar: Durch die Struktur und Komposition einer Ausgabe, durch Zwischentitel und Übergänge sind weitere ‚Rahmungen‘ möglich, die eine Interpretation des wirtschaftlichen Aufschwungs generieren.

Weitere Informationen zur Theorie und zum Modell der Vermittlungsstrategie sind auf dieser Website unter Ansätze und Methoden einsehbar. 

Das selbst finanzierte Projekt (Start: Ende 2013) entwickelt die Dissertation „Wochenschau und Tagesschau in den 1950er Jahren“ weiter, die im Oktober 2013 beim UVK-Verlag, Konstanz publiziert wurde.

Theme von Anders Norén