Der Untergang der ‚Pamir‘ und das ‚Wunder von Lengede‘

Die damalige Wochenschau zeigte, dass sich in Katastrophen stets Technik und Medien beweisen müssen und durch die Herausforderung weiterentwickeln.

Die deutschen Zuschauer erfuhren, wenn andere Länder von Katastrophen betroffen waren: Beiträge über Stürme, Überflutungen und Erdbeben wurden von ausländischen Wochenschauen im Austausch erworben. Diese Beiträge waren jeweils nur kurz – was auf eine jeweils geringe Priorität hinweist. Wichtiger waren offenbar nationale Katastrophen, die zu runden Jahrestagen fiktional und non-fiktional für das Fernsehen aufbereitet wurden. Zu diesen Katastrophen gehören der Untergang des Segelschulschiffes ‚Pamir‘ vor 60 Jahren und das Grubenunglück von Lengede vor 55 Jahren. Beide Ereignisse wurden unter der Regie von Kaspar Heidelbach und mit Starbesetzung in Fernsehfilmen bearbeitet: Das Wunder von Lengede (2003) und Der Untergang der Pamir (2006). 

In dem Jahr als die ‚Pamir‘ in einem Wirbelsturm sank, war die Wochenschau noch ein ausschlaggebendes Medium für die Öffentlichkeit. Das Fernsehen war noch nicht für jeden Haushalt erschwinglich, doch es gab bereits eine Million gemeldete Teilnehmer und viele sahen bei Bekannten zu oder nutzten die Geräte in Schaufenstern der Elektrohändler – ebenso wie es später der Spielfilm zeigt. Im Jahr 1963 hatte sich die Bedeutung der Medien grundlegend verschoben, denn das Fernsehen konnte live vom Gelände der Grube ‚Mathilde‘ berichten und gewann so hohe Attraktivität. Hunderte Reporter aus aller Welt sollen den Ort des Geschehens ‚bevölkert‘ haben, das ZDF leuchtete ihn mit starken Scheinwerfern vollständig aus. Die Ufa-Wochenschau greift auch Schlagzeilen der Presse auf, die durch die sich rasch ändernde Lage am Unglücksort und den ständigen Aktualitätsdruck widersprüchlich wurden.

Interessant ist nicht nur die Gestaltung der Wochenschau mit transmedialen Bezügen, sondern auch die emotionale Berichterstattung: z.B. von dem Vater, der seinen Sohn, als einer der überlebenden Pamir-Kadetten, in Casablanca abholen konnte (vgl. Abb. aus UFA Nr. 62 vom 2.10.1957) – oder durch die ‚Interviews‘, die eigentlich nur Wortfetzen sind, am Krankenbett der geretteten Bergleute.

Interessant sind auch die Unterschiede in der Berichterstattung der west- und ostdeutschen Wochenschau. Während die Hamburger Wochenschauproduktionen (Neue Deutsche Wochenschau bzw. ab 1963 Zeitlupe und Ufa-Wochenschau) zu den Ursachen der ‚Pamir‘-Katastrophe schweigen, zeigt der ostdeutsche Augenzeuge diese explizit auf – ebenso wie es später im Spielfilm geschieht. Während die westdeutsche Wochenschau so lange berichtete, wie es die ‚Aktualität‘ und das öffentliche Interesse gestatteten, berichtete Der Augenzeuge unter Nutzung des westdeutschen Filmmaterials nur kurz von den Katastrophen. Diese waren für seine Redakteure offenbar keine gesamtdeutschen, sondern dezidiert westdeutsche Katastrophen, für die das kapitalistische System die Verantwortung zu tragen hatte. So werfen Medien bei nationalen Katastrophen stets Grundsatzfragen auf, die die Erinnerung zusätzlich prägen: Das Ereignis mochte nach einigen Wochenschau- und Nachrichtenberichten vergessen sein – was blieb, waren Debatten über das Wie und Warum und vor allem die Frage nach Verantwortlichen oder Schuldigen.

Der Vergleich der audiovisuellen Formen und Herausarbeitung von intermedialen Referenzen in Wochenschau und Fernsehfilm kann zur Klärung, welche Rolle Medien beim Erinnern und Vergessen von Katastrophen spielen, beitragen. Dabei kommen nicht nur die Filme als historische Quelle zum Einsatz, sondern gemäß der New Film History weitere Materialien, wie z.B. Produktionsunterlagen der Wochenschau und zeitgenössische Pressestimmen sowie aktuelle Medienkritiken zu den Spielfilmen, um gesellschaftliche, wirtschaftliche und mediale Kontexte zu erfassen.

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