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Deutsche Nachkriegswochenschau – ein Blog von Sigrun Lehnert

Ethik, Forschung, Kontinuität

Vom Forscherporträt bis zur Weltausstellung

Atome für den Frieden - Otto Hahn in Ufa-Wochenschau Nr. 21 vom 19. Dezember 1956

Wissenschaftspräsentation in Nachkriegs-Wochenschau und Kulturfilm

Die Zuschauer schätzten an der Wochenschau weniger die Nachrichten, die man auch im Radio hören oder in der Zeitung lesen konnte, sondern das Gefühl der Teilhabe. Wissenschaft und Forschung waren keine Themen, die eine topaktuelle Vermittlung verlangten, aber erstaunliche Einblicke ermöglichten. Bei zeitgenössischen Umfragen zur Rezeption der Wochenschau, kam „Technik und Wissenschaft“ immerhin auf den fünften Platz der beliebtesten Themen – bei männlichen wie auch bei weiblichen Zuschauern.[1] Somit waren wissenschaftliche Sujets für die Produzenten attraktiv – zudem konnten durch den weltweiten Filmaustausch der Wochenschauen auch ausländische Forschungsergebnisse gezeigt und somit der internationale Vergleich auf dem Gebiet der Wissenschaft ermöglicht werden. Im Kalten Krieg der 1950er und 1960er Jahre wurde dieser Vergleich zum Wettlauf zwischen Ost und West. Das traf besonders auf die Themengebiete zu, die sich mit Raumfahrt-Technologie, Satelliten- und Raketentechnik befassten. Ein weiteres, für den steigenden Energiebedarf wichtiges Thema, war die friedliche Nutzung der Atomkraft – wie die Raumfahrt ein Sujet, das sich für die Gegenüberstellung von kapitalistischem und sozialistischem System nutzen ließ. Durch den steigenden Bedarf und die Nachfrage nach modischer Kleidung nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Kunstfaser-Entwicklung in Berichten an Bedeutung. Im Zeitverlauf von den 1950er in die 1960er Jahre ging es vermehrt um Automation und Computertechnologie, aber auch um bisher unentdeckte Vorgänge in der Natur, der Tierwelt, in der Meteorologie und um archäologische Funde. Inwieweit die Wochenschau Hintergründe liefern konnte, hing nicht nur von dem vorhandenen Material und Aufnahmemöglichkeiten ab, sondern auch vom geringen Zeitbudget der Wochenschau-Beiträge. Hier konnte der Kulturfilm
ausführlicher sein, z.B. in Gesundheitsthemen – oder aber konnte neue Arbeitsmethoden der Wissenschaft genauer darstellen, wie z.B. die Entwicklung von Mikroskopen, Messgeräten und Einsatz von Ultraschall.

Im Kulturfilm war nicht nur eine erweiterte Behandlung von Themen möglich, sondern auch die ästhetische Entfaltung. Elemente wie Musik, Geräusch und Sprache konnten unendlich vielfältig eingesetzt werden und hatten spezielle Funktionen, z.B. die Aufmerksamkeit zu lenken oder zu emotionalisieren. Der Kulturfilm folgt damit einer traditionellen Gestaltung, die sich ebenfalls seit den 1920er Jahren im Ufa-Stil entwickelt hatte.[2] Da dokumentarische Aufnahmen nicht immer unterhaltend sind, verhalf man ihnen auf anderen Wegen zur Attraktivität: z.B. mit gestellten Szenen bis hin zu Trickaufnahmen.

In den 1920er und 1930er Jahren wurde die filmische Vermittlung von natürlichen Vorgängen professionalisiert.[3] Der Kamera gelang der Blick durch das Mikroskop, der selbst in fiktionalen Filmen aufgegriffen wurde, wie in Nosferatu  (Friedrich Wilhelm Murnau, 1922): Der „Polyp“ dient als natürliches Beispiel für den Vampir.

Die akustischen Elemente trugen auch in einer Wochenschau-Ausgabe wesentlich zur Gesamtkomposition bei. Durch den Einsatz von tragbaren Ton-Aufnahme-Geräten (Magnetophonen) und Handkameras sehen die Zuschauer ab Anfang der 1960er Jahre Interviews mit Forschern oder Versuchsanordnungen, begleitet von Originalgeräuschen. Zudem wandten sich Forscher direkt per Ansprache an die Zuschauer, wie Otto Hahn (s. Abb. aus Ufa-Wochenschau Nr. 21/1956), indem er vor der Wasserstoffbombe warnt. Der Kommentar hatte in solchen Fällen kaum noch eine erklärende, sondern begleitende Funktion. Somit entwickelten sich innerhalb der Wochenschau-Sujets unterschiedliche Beitragsformen der Wissensvermittlung: außer den sachlichen Beiträgen auch Porträts u.a. von Nobelpreisträgern.

Zur Dokumentation herausragender Fortschritte ermöglichte die Wochenschau Rückblenden durch Archivmaterial und Visionen durch Filme über herausragende ausländische Forschung. Ein bestimmter Anlass war jedoch stets eine Voraussetzung, um die Berichterstattung zu legitimieren: z.B. Preisverleihungen, Ehrungen, Ausstellungen – insbesondere Weltausstellungen. Die Berichte zeigen den Konkurrenzkampf zwischen den Machtblöcken – ausgedrückt durch die Länderpavillons – und architektonische Großexperimente. Das Atomium der Weltausstellung 1958 ist ein bekanntes Beispiel und wurde nicht zuletzt durch die Medienberichterstattung zum Wahrzeichen Brüssels – das Motto der Expo „Technik im Dienste des Menschen. Fortschritt der Menschheit durch Fortschritt der Technik“ konnte die Wochenschau kaum vertiefen. Es wurde jedoch ein Dokumentarfilm von 27 Minuten gedreht.

Die Vielfalt der Wissenschaftsdarstellung sowie thematische und ästhetische Unterschiede von Wochenschau und Kulturfilm in den 1950er/1960er Jahren und die Kontinuitäten seit den 1920er Jahren werden in Verbindung mit einer entstehenden Dokumentarfilmtheorie aufgezeigt.

[1] Erste Plätze: Politik, Sport, Kunst und Kultur, Unglück, vgl. Hagemann, W. (1959): Filmbesucher und Wochenschau. Emsdetten: Lechte, S. 14-15.
[2] Vgl. Zimmermann, P. (2005): Der Kulturfilm als Vor- und Hauptfilm im Kino. In: Zimmermann, P. & Hoffmann, K. (Hrsg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland, Band 3, ‚Drittes Reich‘ 1933-1945. Stuttgart: Philipp Reclam jun., S. 133-151.
[3] Vgl. Hoffmann, K. (2005): Unbekannte Bilderwelten. Technische Innovationen und ästhetische Gestaltung. In: Zimmermann, P. & Hoffmann, K. (Hrsg.): Geschichte des dokumentarischen Films, Band 3, ‚Drittes Reich 1933-1945. Stuttgart: Philipp Reclam jun., S. 176-197.

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