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Deutsche Nachkriegswochenschau – ein Blog von Sigrun Lehnert

Kontinuität, Konzeption, Methoden

Schrift im Bild – Schrift als Bild – Bild im Bild

NDW 604

Interview mit Briten zum EWG-Beitritt in NDW Nr. 604 vom 25.8.1961

Semiotische Referenzen in der Filmberichterstattung 

In neuen Sherlock-Holmes-Filmen wie in der Fernsehberichterstattung: Schrifttags werden an Personen oder Gegenständen ‚geheftet‘, kleben augenscheinlich an Wänden oder scheinen im Raum zu schweben. Sie dienen dem digitalen ‚Touch‘, den das jüngere Publikum ansprechen soll, und sind gleichzeitig Referenzen zur Realität. Diese Art der Kurzinformation und Aufmerksamkeitslenkung ist nicht neu, sondern gehörte bereits zur Filmberichterstattung der 1950er Jahre: Etiketten wurden beispielsweise in Grafiken zu industriellen Produktionsvorgängen eingefügt. Zuschauern wurden somit „multimodale Kompetenzen“ (Stöckl, 2010, S. 45) zugestanden. 

Schriften im Bild oder bildformende Schrift oder Bild im Bild bedienen zugleich die von Sachs-Hombach et al. (2018) vorgeschlagene semiotische und referenzielle Dimension der Modalitätsforschung. Die Grenzen der Dimensionen sind jedoch im Fall der Wochenschau fließend.

Schriften im Bild dienten u.a. der Machtdemonstration, z.B. Rollschriften, die in der ostdeutschen Wochenschau einen Brief der DDR-Staatspitze an den Bundeskanzler ‚verlesen‘. Schrift als Bild ist zu beobachten, wenn animierte Beitragstitel ankündigen, worum es im Folgenden geht. Bei einem saisonalen Bericht über Urlaubsfreuden, erstrahlt der Buchstabe ‚o‘ typopiktoral (vgl. Stöckl, 2010, S. 65) als Sonne, indem um ihn herum Strahlen stilisiert werden. Beispiele für Bild-im-Bild-Konstellationen sind Splitscreens in Beitragstiteln und in Realfilm eingefügte Trickfiguren.

Jedoch ergeben alle diese Ausformungen der Codes und Zeichen in Schrift und Bild sowie ihr Zusammenspiel nur im narrativen Kontext einen Sinn. Die Multimodalität – in der sich Grenzen von semiotisch und referenziell aufheben – stehen im Dienst des edukativen Anspruchs der Wochenschau, der Polit-PR und Propaganda im Kalten Krieg, u.a. da sie ‚auf einen Blick‘ zu erfassen sind (vgl. Meier, 2011, S. 5). Durch die Komposition einer Wochenschau aus mehreren Berichten, die mit kontextuellen Transitionen verbunden waren bzw. durch Titel mit Paratext-Funktion getrennt wurden, ergeben sich weitere Narrationen. In Folge der seriellen Vorführung wöchentlich neuer Ausgaben entstehen Diskurse, zu denen die multimodalen Verknüpfungen von Text und Bild beitragen.

Entsprechend der unterschiedlichen Ausprägungen von Bild-Schrift-Beziehungen sind mehrere Untersuchungsansätze zu diskutieren. Hinsichtlich ganzer Sätze und Textteile können Aussagen analysiert werden (vgl. Abb. aus Neue Deutsche Wochenschau  Nr. 604/1961, Interviews mit Briten zur EWG). In Bezug auf die Einfügung einzelner Worte in Bilder sind Semiotik und Semantik zu untersuchen. In Bezug auf Bildschrift und ‚Schriftbild‘ (im Sinne von Typografie) sind paratextuelle Analysen möglich. Schließlich kann bei Bild-im-Bild-Phänomenen von Symbolik und Metaphern gesprochen werden.

Da Materialien zur historischen Untersuchung von Rezeption nur rudimentär vorhanden sind, kann die Wirkung von Filmberichterstattung der Wochenschau nur vermutet werden. Durch Ansätze, z.B. aus der kognitiven Werbewirkungsforschung (u.a. Kroeber-Riehl) lässt sich jedoch das multimodale Bildverständnis erklären. Zudem können Ansätze der Persuasionsforschung herangezogen werden, um die Wirkung von Sprech-Akte durch Schrift im Bild z.B. Direktiven (vgl. Austin (1962) und Searle (1969)) oder Appelle (vgl. Stöckl, 2010, S. 49) und damit die Gesamtaussage dieser Multimodalität zu erklären.

Ein Beispiel hierfür sind Beitragstitel, die auf die ersten Bilder des Realfilms kopiert wurden, um den Beginn des Filmbeitrags mit einem oder mehreren Schlagworten zu versehen. Dadurch wird die Annahme des Zuschauers über den Tenor und die Argumentation des Beitrags gelenkt. Das bedeutet jedoch gleichzeitig, dass ein bestimmtes Wissen über (politische) Vorgänge beim Rezipienten vorausgesetzt wurde, das sie bereits durch andere Medien (z.B. aus Zeitungen) erworben haben

Des Weiteren offenbart die Wochenschau-Gestaltung Erwartungen der Redaktion und Produzenten an die Filmliteralität der Zuschauer. Der Stil der Schrift-Typen auf den Titeln verweist teilweise auf Filmgenres, wie z.B. Kriminalgeschichte oder Western. Die Typografie kann dramatisierend wirken und trägt als ein Fragment zum Diskurs bei (vgl. Meier, 2011, S. 4).

So können Formen der Bild-Schrift und Bild-Bild-Kombinationen aufgezeigt und deren mögliche Wirkungen sowie Forschungsansätze diesbezüglich diskutiert werden. Welche Bedeutung hatten die Schrift-Bild und Bild-Bild-Konstellationen für das Framing einer ‚Story‘? Welche Vermittlungs- und Informationseffizienz leisteten sie in der Wochenschau, deren Berichte zwingend kurzgefasst sein mussten? Durch die Tradition der Kino-Wochenschau hat sich in der Filmberichterstattung eine Multimodalität herausgebildet, die uns heute alltäglich begegnet. Durch digitale Verfahren werden neue Erscheinungsformen gefunden, die Partizipation ermöglichen.

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