Deutsche Nachkriegswochenschau - ein Blog von Sigrun Lehnert

Fernsehen, Forschung, Konzeption, Symbolik

Schönheit zwischen Inszenierung und Beobachtung

Frauen auf dem Laufsteg für die Wahl zur Miss Germany 1955

Wahl der Miss Germany 1955 in NDW Nr. 281

Obwohl das Fernsehen immer mehr Zuschauer gewann, blieb die Wochenschau in den 1960er Jahren im Vorprogramm der Kinos verbreitet. Zu ihren Berichten zählten auch nationale und internationale Schönheitskonkurrenzen wie die Wahl zur Miss Germany (wie z.B. in NDW Nr. 281/1955) . Die Kürze der Beiträge erzwang eine kurzweilige Ästhetik: geschickte Kameraperspektiven, weichgezeichnetes Licht, eine temporeiche Montage der Höhepunkte und heitere Musik. Schönheit erscheint hier primär als „das Hübsche“ im Sinne von Rosalind Galt (2011) – als jene dekorative Bildsprache, die in der Filmkultur traditionell als oberflächlich und feminin abgewertet wurde. Die Wochenschau instrumentalisiert sie: Die jungen Frauen werden auf passive Schauobjekte reduziert, das filmische Dispositiv erzeugt ein hierarchisches Blickregime.

Zugleich stabilisiert diese Produktion von Schönheit normative Frauenbilder und stiftet Identität für die junge Bundesrepublik. Die unbeschwerte, makellose Präsentation der Körper bot im Kontext der Nachkriegszeit eine Projektionsfläche, um eine scheinbar unbelastete nationale Identität, Normalität und wachsenden Wohlstand zu simulieren.

Als Beispiel des Direct Cinema (vgl. Geng 2016) bricht Brodmanns Die Misswahl mit dieser affirmativen Tradition. Beobachtende Kameraarbeit und ein lakonisch-ironischer Kommentar demaskieren die „Produktion von Schönheit“ hinter den Kulissen. Statt dekorativer Inszenierung zeigt der Film erschöpfte Gesichter, zermürbendes Warten und die physische Anstrengung der Teilnehmerinnen – im harten Backstage-Licht und in längeren, beobachtenden Einstellungen. Offen bleibt, ob jenseits dieser dekonstruierten Fassade eine neue Form „moralischer Schönheit“ sichtbar wird (vgl. Diessner 2019): in der unprätentiösen Würde und dem stoischen Durchhaltewillen der jungen Frauen.

Der Vergleich der filmischen und audiovisuellen Mittel – Kaderung, Lichtsetzung, Montage und Musik – macht deutlich, wie das Dokumentarische unterschiedliche Konzepte von Schönheit formt. Mit De Clercq (2013) lässt sich zwischen Schönheit als bloßem Synonym für ästhetisches Gefallen und Schönheit als spezifischer, engerer ästhetischer Kategorie unterscheiden. Die Wochenschau ordnet Schönheit dem Hübschen zu, um normative Frauenbilder zu stabilisieren; Die Misswahl dekonstruiert diese Vereinnahmung.

Englische Kurzversion.

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Literatur

De Clercq, Rafael (2013): Beauty. In: Gaut, Berys/Lopes, Dominic McIver (Hg.): The Routledge Companion to Aesthetics. 3. Aufl. London: Routledge, S. 299–308.

Diessner, Rhett (2019): Understanding the Beauty Appreciation Trait: Empirical Research on Seeking Beauty in All Things. Palgrave Macmillan.

Galt, Rosalind (2011): Pretty: Film and the Decorative Image. New York: Columbia University Press.

Geng, Johannes (2016): Das Direct Cinema als Zäsur in der Medienkulturgeschichte des Sehens. In: Heinze, Carsten/Weber, Thomas (Hg.): Medienkulturen des Dokumentarischen. Wiesbaden: Springer VS, S. 85–99.

Hanich, Julian (2023): Striking Beauty: On Recuperating the Beautiful in Cinema. In: Hanich, Julian/Rossouw, Martin (Hg.): What Film Is Good For: On the Ethics of Spectatorship. Oakland: University of California Press, S. 162–174.

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