Modernsein als Erwartung und Definition durch die Wochenschau

„Sind Sie ein moderner Mensch?“ und „Was verstehen Sie unter Modernsein?“ Das waren die einfachen und zugleich schwierigen Fragen eines Reporters der Neuen Deutschen Wochenschau (NDW) an Passanten Anfang der 1960er Jahre. Sicher wurden mehr Personen interviewt, als in dem kurzen Bericht der NDW Nr. 669 vom 23.11.1962 (vgl. Abb.)  zu sehen sind und gewisse Stereotype ausgewählt: die junge Frau mit dem hochtoupierten Haar (vgl. Abbildung[1]), das ‚Hausmütterchen‘ in Schürze, die berufstätige Frau, der ältere gesetzte Herr und der Typ ‚junger Geschäftsmann‘.

Sie alle wussten auf diese Fragen kaum abschließende Antworten, außer u.a. „mit der Zeit“ zu gehen aber „das Alte“ nicht ganz wegzuwerfen. Der ‚junge Geschäftsmann‘ gibt schließlich eine Frage zurück: „Was heißt hier schon modern? Ein modernes Lebensgefühl, ein modernes Raumgefühl, ein modernes Schmerzmittel…?!“. In nachgestellten Werbespots für absurde Produkte werden zudem die Werbeindustrie und der Konsum aufs Korn genommen. Dabei war die Wochenschau, die bis in die 1970er Jahre im Vorprogramm der Kinos lief, zu diesem Zeitpunkt selbst nicht mehr das modernste Medium – das tagesaktuelle Fernsehen hatte längst in vielen Haushalten seinen Platz gefunden. Gerade deshalb und durch die Konkurrenz zu anderen Wochenschauen musste sich die NDW attraktiven Themen und dem Wandel der Gesellschaft widmen. Weitere Beispiele betreffen z.B. Sujets über große Bürogebäude, die den Angestellten hohem Komfort boten. Daneben ging es in den Wochenschau-Stories aber auch um moderne Gefahren – etwa durch Unfälle im Straßenverkehr, im Haushalt oder am automatisierten Arbeitsplatz mit neuen komplizierten Maschinen.

Durch die eingesetzten filmischen Mittel, wie unterlegte Musik, Geräusche, gesprochener Kommentar, durch die Filmmontage und nicht zuletzt durch die Anordnung der ca. zehn Berichte einer Ausgabe hatte die Wochenschau alle Möglichkeiten, Bilder mit Konnotationen aufzuladen. Das gilt ebenso für die ostdeutsche Wochenschau Der Augenzeuge, die als Parteiorgan der SED sozialistische Ideale zu vermitteln hatte. Die dargestellte Modernisierung in der DDR bezog sich oft auf Arbeitsmethoden zur Einsparung von Arbeitszeit und Material. Gleichwohl gab es, wie in der westlichen Wochenschau, Präsentationen modernen Lebens – etwa durch die Reportagen von der Leipziger Messe oder Modeberichte mit geprüfter und zweckvoller Kleidung zu erschwinglichen Preisen.

Erstaunlich ist, dass bereits in der NDW der 1950er-Jahre auf Umweltverschmutzung und Lärmbelästigung durch das ‚moderne‘ Leben aufmerksam gemacht wird. Unterdessen sind die gesellschaftlichen Rollenbilder offenbar konstant, wie in der ‚Bräuteschule‘ 1954 in München.

Durch die Kinowochenschau überdauerten Klischees, die auch heute noch durch die Medien transportiert werden. Für viele historisch angehauchte Fernsehproduktionen dienen die Wochenschau-Ausgaben als Vorlage. Dabei entsteht möglicherweise ein ‚schiefes‘ Bild, weil auch die Wochenschau mit gestellten Szenen und selektierten Bildern gearbeitet hat.

Die Bearbeitung des Materials folgt den Vorschlägen zu Methoden und Ansätzen u.a. der Visual History und Framing (vgl. entsprechende Rubrik dieser Website).

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